Eine Reflexion als Bergführer, die auch Führungskräften in der Wirtschaft bekannt vorkommen / oder als Impuls dienen könnte …
Zum x-ten Male steht die Glocknerrunde auf dem Programm – wohl eine jener Touren, von der ich mir zu sagen traue, dass mir das Gelände inzwischen vertraut ist. Und wieder einmal ist die Wetterprognose ‚durchwachsen‘… Am ersten Tag gelingt uns der Aufstieg zur Oberwalderhütte ideal: wir steigen in gemütlichem Tempo auf, was unserer Akklimatisation an die Höhe zu Gute kommt, und bauen noch ein bisschen Trittschulung in unseren Aufstieg ein … und dennoch erreichen wir die Hütte etwa eine halbe Stunde bevor der Regen einsetzt.
‚Wir starten einfach sehr früh‘ – so wird die Strategie für den zweiten Tag lauten, um genügend Zeitreserven ‚vor‘ den angesagten Gewittern zu haben. Gesagt – getan … um 4:00 Uhr morgens stehen wir vor der Hütte und ziehen im Stirnlampenlicht in Richtung Gletscher los. Zu Beginn kommen wir auch noch ganz gut voran, jedoch nach dem ersten Gipfel tauchen wir in den Nebel ein. Dass wir dadurch etwas langsamer unterwegs sind als bei klarer Sicht, wird auch für Nicht-Bergsteiger*innen leicht nachvollziehbar sein; noch dazu wird der Schnee unter dem Nebel immer ‚sumpfiger‘, was das Gehen beschwerlicher macht. Im dichten Nebel erreichen wir endlich den Stüdlgrat, den wir mit einer Abseilpassage und anschließendem etwas unangenehmen Abstieg zum Gletscher noch überqueren müssten, um danach den letzten Abschnitt zur ‚Adlersruhe‘ (der höchstgelegenen Hütte zu Fußen des Großglockner-Gipfelaufbaus) über einen Gletscher und einen kleinen stahlseilversicherten Steig zu bewältigen.
Für mich ist klar, dass ich bei derartigem Nebel meine Teilnehmerinnen nicht über die Scharte in ein echt anspruchsvolles Gelände abseilen werde, denn dort unten kaum etwas zu sehen, kann ganz schnell äußerst herausfordernd werden. Ich weiß, dass ich als Bergführer JETZT eine Entscheidung zu treffen habe … ich nehme mir kurz Zeit um in die Stille zu gehen, um meiner Intuition Raum zu geben, um sie als Unterstützung heranzuziehen. Was ich ganz klar wahrnehme ist, dass wir an diesem Tage auf der 650 Höhenmeter tiefer gelegenen Stüdlhütte übernachten sollten! Dies würde allerdings für die Glocknerbesteigung am nächsten Morgen kaum Chancen offenlassen. Diese intuitive Botschaft umzusetzen würde uns zwar in ca. 40 min Gehzeit zur Hütte bringen, aber mir bei meiner Gruppe alles andere als Beliebtheit einbringen.
Um die Entscheidung auch noch durch die äußeren Bedingungen zu untermauern und für mich persönlich zu festigen, steige ich dennoch zur besagten Scharte mit der Abseilstelle hinauf, um mich von der schlechten Sicht auf der anderen Seite des Grates zu überzeugen – und was sehen meine Augen: klare Sicht bis auf den Gletscher hinunter … das war überraschend – könnte es also doch noch, dem ursprünglichen Plan folgend, klappen? Meine TeilnehmerInnen sind zwar schon etwas müde, aber dennoch motiviert für den Aufstieg zum Gipfel am nächsten Tag. Die intuitive Klarheit von wenigen Minuten zuvor gerät in den Hintergrund, und ich entscheide ‚nicht‘ im Sinne der unbeliebten Botschaft zu handeln – im Klartext: ich übergehe meine intuitive Eingebung von vorhin…
… und seile die beiden ab, folge ihnen, und anschließend suchen wir uns einen gangbaren Weg durch heikles Gelände hinunter in den Schnee. Kaum starten wir die vor uns liegende Gletscherquerung beginnen sich die Wolken über und um uns zu verdichten und am Glockner oberhalb von uns beginnt es zu donnern – und kurz darauf wie aus Fässern zu schütten. Ich weiß natürlich, dass es jetzt angesagt ist, so schnell wie möglich in unseren Biwaksäcken Schutz zu finden, jedoch habe ich auch wahrgenommen, dass am Eishang ober uns riesige Felsblöcke liegen! Ich will meine Hand nicht dafür ins Feuer legen, dass diese nicht evtl. bei einem Blitzeinschlag ins Rutschen geraten und katastrophale Folgen für uns drei bescheren könnten … also versuche ich, kühlen Kopf zu bewahren und dem bereits klatschnassen und ausgekühlten Körper keine zu große Aufmerksamkeit zu schenken, und steuere flotten Schrittes auf eine sicher gelegene Felsinsel zu. Dort deponieren wir rasch Pickel, Stöcke und Steigeisen separat, ziehen die Biwaksäcke heraus, um auf dem Rucksack sitzend darunter Schutz zu suchen.
Während wir – schön langsam frierend – so dasitzen und das Gewitter ausharren, bei jedem Blitz und Donner zusammenzucken und froh sind, dass es – nicht weit weg – aber doch woanders eingeschlagen hat, denke ich an meine intuitive Eingebung … die ich nicht für meine Entscheidung genutzt habe, deren Botschaft zwar unbeliebt gewesen wäre, uns aber längst im Trockenen hätte sitzen lassen.
Neuerlich sagt mir meine Intuition, dass wir nicht weiter auf- sondern absteigen sollten. Endlich bekomme ich auch einen Netzempfang auf meinem Handy und sehe, dass es in wenigen Minuten eine Regenpause geben wird, bevor dann eine neue Gewitterzelle heranzieht. Meine Intuition erfährt sich bestätigt und meine Entscheidung steht fest: ‚wir steigen ab zur Stüdlhütte!‘, teile ich in wenigen, klaren Worten meine Entscheidung mit. Mit dem Gefühl, im Sinne der Sicherheit richtig entschieden zu haben, machen wir uns auf den Weg, und kehren der Glockner-Gipfelbesteigung für dieses Mal den Rücken zu – bis zu den Zehen und bis auf die Unterwäsche nass kommen wir in der Hütte an und brauchen fast eine Stunde, bis wir selbst wieder trocken sind und all das nasse Material zum ‚Trocknen‘ aufgehängt ist. Etwas enttäuscht nehmen wir unser Abendessen ein und übernachten anschließend auf der Stüdlhütte …
Was ich aus dieser Erfahrung lerne ist,
- wie großartig es ist, dass wir unsere Intuition haben
- und wie wichtig es sein kann, uns zu erlauben, die Stimme unserer Intuition ernst zu nehmen und nicht zu übergehen … auch wenn die Botschaft, die gesendet werden will, höchst unbeliebt sein mag … denn womöglich ersparen wir uns größere Schwierigkeiten
- wie vielschichtig Führungsverantwortung ist und wie blitzschnell mein Fokus wechselt, um situativ die (vermeintlich?!) passende Entscheidung zu treffen
Vielleicht magst du …
- dir die Zeit nehmen zu reflektieren, wie du deine Entscheidungen in heiklen Situationen triffst
- dir erlauben, in schwierigen Entscheidungssituationen deine Aufmerksamkeit – weg vom Verstand – auch auf deine Intuition zu richten, auf dein Bauchgefühl, und möglicherweise gelingt es dir … mit etwas Übung … auch ein Bild / eine Botschaft zu erhalten, die dich in deiner Entscheidung unterstützt